Bäh, bitter! Warum Kinder keinen Rosenkohl mögen

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Das Geschmacksempfinden von Kindern unterscheidet sich wesentlich von der Wahrnehmung der Erwachsenen. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Das Wissen darüber kann unser Verständnis über vermeintliche Marotten der kleinen Esser aber deutlich erleichtern.

Die Familie sitzt am Esstisch, Oma hat eingeladen. Zur Feier des Tages gibt es Rinderbraten, dazu Kartoffeln und Gemüse. Alle freuen sich, nur einer verzieht das Gesicht: „Bäh, ich mag keinen Rosenkohl“, sagt der Jüngste und schiebt den Teller weg. Gutes Zureden hilft nicht, der Probierbissen wird gleich wieder ausgespuckt und die Familie sitzt ratlos daneben – der Rosenkohl ist doch ganz mild. Die Szene kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder! Die wenigsten Kinder mögen Rosenkohl oder andere, ähnlich bitter schmeckende Speisen. Und das nicht etwa, weil sie es gegenseitig voneinander abgeguckt haben, sondern weil Kinder ein anderes Geschmacksempfinden haben als Erwachsene.

Ja, Kinder schmecken anders! Zu diesem Schluss kommt auch das Technologie-Transfer-Zentrum Bremerhaven (TTZ). Es hat im Rahmen des EU-Projektes IDEFICS die Ernährungsgewohnheiten und geschmackliche Wahrnehmung von Kindern in seinem Sensoriklabor untersucht.

Dabei stellte das TTZ unter anderem fest, dass Kinder über etwa 10.000 Geschmacksknospen verfügen, während es bei Erwachsenen nur noch circa 2000 Geschmacksknospen sind. Eine weitere Erkenntnis: Noch im Mutterleib wird das Geschmacksempfinden von Kindern durch das Essverhalten der Mutter geprägt. Über die Nabelschnur und das Fruchtwasser gelangen Aromen zum Kind, etwa ab der 26. Schwangerschaftswoche reagiert das Ungeborene auf entsprechende Reize. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt kann das Geschmacksempfinden von Kindern beeinflusst werden.

Italienische Babys haben kein Problem mit Knoblauch

In ihrem Beitrag zum 2. Ernährungsforum Rheinland-Pfalz wiesen Dr. Barbara Miltner-Jürgensen und Prof. Dr. Barbara Methfessel darauf hin, dass beispielsweise schwedische Säuglinge andere Präferenzen signalisieren als italienische (letztere akzeptieren z. B. Knoblauch eher). Dies lässt sich bereits auf die Aromen, die über die Ernährung der Mutter ins Fruchtwasser gehen, zurückführen.

Später kommen dann prägende Aromen der Muttermilch, der Säuglings- und Kleinkindnahrung, des Familientisches und mehr hinzu. „Kinder wachsen in ‚esskulturelle Muster‘ hinein“, heißt es in dem Beitrag. „Sie lernen die Speisen, die Rhythmen und die Regeln der Esskultur in Sozialisations- und Enkulturationsprozessen kennen. Sie eignen sich dabei auch den ‚Geschmack der Kultur‘ an.“

Deutsche Schüler haben besonders schlechte Essgewohnheiten

Auch das EU-Projekts IDEFICS hat herausgefunden, dass kulinarischen Vorlieben und Ablehnungen von Kindern entscheidend vom Herkunftsland abhängen. Während die meisten deutschen Schüler im Rahmen des Projekts ungezuckerten Saft der gezuckerten Variante vorzogen, entschieden sie sich häufiger als alle anderen für mit Fett angereicherte Cracker. Die größte Präferenz für Salz zeigten die kleinen Esten, für Zucker die Ungarn.

Es lässt sich also festhalten, dass die Ernährung der Eltern, insbesondere der Mutter, schon früh den Geschmack der Kinder beeinflussen kann. Je abwechslungsreicher sich die Mutter ernährt, desto aufgeschlossener zeigt sich das Kind später gegenüber Neuem. Aber warum mögen trotzdem viele Kinder keinen Rosenkohl, obwohl die Mutter ihn vielleicht gern isst?

Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick auf die menschliche Evolution. Die Ernährungsberatungsstelle des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) in Rheinland-Pfalz hat sich genau diesem Thema gewidmet. In dem Bericht heißt es: „Die Vorliebe für ,süß‘ ist angeboren, was evolutionsbiologisch sinnvoll ist, weil es in der Natur keine süß schmeckenden Speisen gibt, die gleichzeitig auch giftig sind.“ Wer also bei unbekannten Früchten auf Süß setzte, war auf der sicheren Seite. Abgesehen davon ist „süß“ auch ein Signal für Kalorien. Muttermilch zum Beispiel schmeckt leicht süßlich – Grund ist der energiereiche Milchzucker. „Energie war in der Evolution immer ein knappes Gut“, schreibt das DLR. Bitter signalisiert hingegen Gift. Der leicht bitter schmeckende Rosenkohl hat es da natürlich schwerer als Obst oder Süßigkeiten.

Lust auf Süßes und Fettiges: Die Evolution spielt uns einen Streich

Die evolutionären Ursachen für die Ablehnung von Rosenkohl und Co. gehen aber noch weiter: Schließlich war der Mensch – zumindest in hiesigen Gebieten – noch bis vor wenigen Jahrzehnten immer wieder von Hunger und Nahrungsmangel bedroht. Wer also am meisten Lust auf Süßes und Fettiges hatte und sich ein Polster anfutterte, überlebte die Hungerzeiten am besten. Diese Erfahrung war lebensrettend, deshalb wurde sie in das Gen-Programm der Menschheit aufgenommen.

Nicht zuletzt spielt auch die Macht der Gewohnheiten eine Rolle bei unserem Essverhalten. Auch dazu äußert sich das DLR. Demnach ahmten bereits die Kinder in der Steinzeit die Essgewohnheiten ihrer Eltern nach und waren sich so sicher, dass die Früchte auch genießbar waren.

Noch heute muss ein neues Lebensmittel daher häufiger angeboten werden, bis ein Kind das erste Mal zugreift. Angeborene Präferenzen, wie beispielsweise die Vorliebe für Süßes, können durch Erfahrung verändert und durch neue Geschmacksvorlieben ersetzt werden.

Für die Familie am Sonntagstisch heißt das also, dass der Jüngste zwar gute Gründe hat, Rosenkohl erstmal abzulehnen. Es heißt aber auch, dass diese Ablehnung nicht dauerhaft bestehen bleiben muss. Je häufiger grundsätzlich verschiedene Speisen angeboten und probiert werden – ganz ohne Druck –  und je häufiger auch Eltern und Geschwister zu Rosenkohl und Co. greifen, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch der Jüngste irgendwann entdeckt, dass Rosenkohl mit Semmelbröseln und brauner Butter eine kleine Köstlichkeit ist.

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