Auf den Geschmack gekommen: So werden Kinder neugierig aufs Essen

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Ständiges Probieren – das ist das A und O für die Herausbildung möglichst vieler Geschmacksvorlieben bei Kindern. Deren Ernährungsgewohnheiten können Eltern und Erzieher entscheidend beeinflussen.

Gemüse? Abgelehnt! Kartoffeln, Reis, Polenta? Abgelehnt! Nudeln mit Sauce? Abgelehnt! Nudeln ohne Sauce? Das geht. Und zwar nur das. Schon seit Wochen stochert das Kind im Essen herum und ernährt sich mittags nahezu ausschließlich von Nudeln. Und wehe, die Nudel hat mit der Spitze die Sauce berührt. Eltern und Erzieher kennen solche Erfahrungen. Vor allem Kinder zwischen 18 und 24 Monaten pflegen ihre einseitigen Ernährungsvorlieben, manche sogar noch bis zum siebten oder achten Lebensjahr und darüber hinaus. Die Wissenschaft hat sogar einen Fachbegriff dafür. Neophobie. Und die ist grundsätzlich gar nicht so schlecht. Die Angst vor Neuem ist in unserem Inneren evolutionsbiologisch verankert. Ich esse nur, was ich kenne. Unbekanntes könnte ja giftig sein.

Wie Eltern und auch Erzieher mit kleinen Neophobikern umgehen, hängt natürlich vom Einzelfall ab. Grundsätzlich empfehlen Experten aber, nicht mit Zwang zu reagieren, sondern mit Gelassenheit und Geduld. Mitunter löst schlicht die Zeit das Problem, weil das Prinzip der spezifisch-sensorischen Sättigung einsetzt. Das bedeutet, dass das Verlangen nach einem bestimmten Produkt abnimmt, je mehr davon gegessen wird. Damit beugt der Körper einem Nährstoffmangel durch zu einseitige Ernährung vor. Die schlechte Nachricht: Bei Kindern ist dieser Effekt oft nicht so ausgeprägt wie bei Erwachsenen.

Es gibt auch andere Methoden, welche die Lust am Probieren wecken und die sogar verhindern können, dass Kinder zu einseitigen Essern werden. Eine dieser Methoden setzt auf den „Mere Exposure Effect“. Gemeint ist der Effekt, durch die ständige Wiederholung neuer Geschmackseindrücke – indem neue Speisen immer wieder probiert werden – entsprechend viele Vorlieben auszubilden. Die Experten der Ernährungsberatung Rheinland-Pfalz kommen zu dem Schluss, dass Kinder geschmacklich immer wieder mit Neuem in Kontakt kommen müssen, damit die Hürde beim nächsten Mal geringer ist. Manche Kinder müssen demnach bis zu zehnmal zugreifen, ehe ihnen etwas schmeckt.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt also im ständigen Probieren – es sollte aber selbstverständlich ohne Zwang erfolgen und mit der Option, das angebotene Probierstück notfalls aus dem Mund nehmen zu dürfen. Wichtig ist, dass es überhaupt ein Geschmackserlebnis gibt. Wie dies im Alltag am Familientisch, aber auch im Kindergarten umgesetzt werden kann, beschreibt die Ernährungswissenschaftlerin Prof. Barbara Methfessel. Sie rät dazu, bei Kindern, die noch gefüttert werden, die langsame Annäherung an eine Speise zu erlauben und das Kind in Ruhe wählen zu lassen, möglichst sogar fühlen zu lassen. Ebenfalls hilfreich: Wenn der Erzieher oder auch die Eltern demonstrativ selbst von dem Unbekannten probieren. Auch andere Kinder können neugierig machen und zum Essen animieren. Bei Kindern, die schon selbst essen können, sollte ebenfalls Zeit und Ruhe zur Annäherung gegeben werden. Auch hier hilft es, wenn andere Kinder oder die Eltern/Erzieher motivierend einwirken, weil sie selbst probieren und essen.

Ein weiterer Tipp: Kinder brauchen eine feste Mahlzeitenstruktur. Die Verbraucherzentrale NRW hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt und rät: „Die Mahlzeiten sollten einen festen Beginn und ein festes Ende haben. Essensfreie Zeiten von mindestens zwei Stunden zwischen den Mahlzeiten, in denen nur kalorienfreie Getränke zur Verfügung stehen, unterstützen diesen Rhythmus.“

Darüber hinaus gibt es weitere Tricks, die Kinder zum Essen animieren. Viele mögen es beispielsweise nicht, wenn alles untereinander gemischt angerichtet wird. Die Konsequenz: Statt Nudeln in Sauce lieber Nudeln neben der Sauce anbieten. Statt des gemischten Gemüses lieber die Gemüsesorten einzeln vorsetzten. Grundsätzlich ist es hilfreich, die Sinne anzusprechen. Essen, das bunt ist und optisch schön angeordnet ist, verlockt nachweislich eher zum Probieren. Ein guter Geruch und auch ein gutes Mundgefühl können für Kinder die Weichen zwischen Mögen oder Nicht-Mögen stellen.

Entscheidend ist letztlich, dass Eltern und Erzieher sich darüber im Klaren sind, wie sehr und wie früh sie das Essverhalten von Kindern beeinflussen. Je eher sie dies bewusst tun, desto größer ist der Effekt für ein lebenslanges, vielseitiges – und damit gesundes Essverhalten der Kinder.

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